Werner Bergmann · Unser aller Heiligen · Archiv "Heilige der Woche"
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Die Heilige/Der Heilige der Woche – Das Archiv
Heilige, die im Buch "Unser aller Heiligen" keine Erwähnung fanden.
Remigius

Remigius tauft Chlodwig. Master of St. Giles, ca. 1500
Der heilige Remigius (13. Januar)

Der einzige Heilige, der es durchgängig in die Schulgeschichtsbücher geschafft hat, ist der heilige Remigius, Bischof von Reims. Mit der Taufe Chlodwigs, des ersten Frankenherrschers, 496 (eigentlich war es erst 507, aber das interessiert keinen Schulbuchautor) beginnt auch heute noch in jedem Schulbuch das Kapitel über das Mittelalter. Diese epochale Tat des heiligen Bischofs hat ihm die Bezeichnung „Apostel der Franken“ eingebracht, wenn auch sonst wenig über ihn bekannt ist.

Sein späterer Amtskollege Gregor, Bischof von Tours, berichtet gut ein halbes Jahrhundert später über diese Taufe, von der er vielleicht noch von Chlodwigs Witwe erfahren haben kann. Danach hat Remigius ihn nicht nur mit Wasser getauft, sondern auch mit „heiligem Öl“ gesalbt. Von Wundern, die der Täufer vollbracht haben soll, weiß unser Gewährsmann nur so viel, dass er an Wundertaten dem heiligen Sylvester gleich kam (dieser hatte den Kaiser Konstantin von der Krätze, vielleicht auch Neurodermitis geheilt) und wohl einen Toten wieder zum Leben erweckt (da war er sich offenbar nicht sicher). Remigius’ Verehrung als Heiliger begründete sich aber wohl weitgehend allein auf die Taufe.

Nach mehr als sieben Jahrzehnten Amtszeit wird dieser berühmte Bischof 533 in Reims begraben, aber keineswegs vergessen, da man seine sterblichen Reste im Laufe der Jahrhunderte insgesamt fünfmal ausbuddelt und in Augenschein nimmt, das erste Mal bereits gut 30 Jahre nach seinem Tod. Sein Leichnam wird als gut erhalten, eingetrocknet und mumifiziert beschrieben. Drei Jahrhunderte später lässt der nicht minder berühmte Nachfolger im Amt, Hinkmar von Reims, den Sarkopharg wieder öffnen. Er erfindet und „findet“ dabei eine Ampulle des heiligen Öls, das nach seiner Interpretation (er verfasste eine Lebensbeschreibung des Heiligen) jetzt bei der Taufe Chlodwig von einer Taube vom Himmel gebracht worden ist,  und salbt damit Karl den Kahlen, so dass fortan die Ampulle mit dem Öl als Reliquie in Reims gezeigt und eine Reihe der westfränkischen Könige damit gesalbt wird.

Weiterhin wird sein Schrein 1646 und dann in den Wirren der Französischen Revolution 1793 geöffnet und der Schrein zerstört – im Übrigen auch die Ampulle mit dem heiligen Öl. Der französische Offizier Favreau rettet die Überreste des berühmten Heiligen vor dem Verbrennen, indem er diesen zusammen mit einem gerade verstorbenen Soldaten auf dem nahen Friedhof begraben lässt. 1795 erneut ausgegraben und zurück in die Kirche nach Reims gebracht, werden seine Gebeine 1803, 1824 examiniert und schließlich1896 in einen neuen Schrein verbracht. Im Zweiten Weltkrieg werden die Überreste vor der heranrückenden Wehrmacht nach Südfrankreich in Sicherheit gebracht und 1941 erneut überprüft. Dabei wurde ein kleines Stückchen entnommen, das heute als Reliquie in der Kirche St. Remigius in Borken sich befindet.

Das bedeutendste Patrozinium des so berühmten Heiligen hier im Revier findet sich jedoch in Dortmund-Mengede und das gleich doppelt: Sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche tragen den Namen St. Remigius! Dies hat seine Ursache in den Wirren der Reformation. In der ursprünglichen Kirche (die heutige evangelische) wurde im 17. Jahrhundert von zwei Seelsorgern, einem katholischen und einem protestantischen – abwechselnd oder auch gleichzeitig – der  Gottesdienst abgehalten. 1672 einigte man sich dahingehend, dass die Kirche protestatisch wurde. Die Minderheit der Katholiken wurde mit einer Geldsumme abgefunden, von der sie wenig entfernt ein Kirchlein bauten, für das sie ebenfalls den heiligen Remigius als Schutzpatron wählten. Mit der Bevölkerungsexplosion im Zuge der Industrialisierung wurde 1876 dann die heutige katholische St. Remigius Kirche errichtet.

In Dortmund-Mengede ist der Heilige aus den Frühtagen des Frankenreiches somit zuständig für Katholiken und Protestanten, sicherlich kein Wunder, aber doch bemerkenswert. gläsernen Kiste in der Krypta des Mailänder Doms.
Borromäus

Carlo Borromeo. Gemälde von Giovanni Ambrogio Figino (1548 - 1608) Quelle: Joachim Schäfer, Ökumenisches Heiligenlexikon
Der heilige Karl Borromäus (Carlo Borromeo) (4. November)

Hineingeboren in die Religionswirren und -kriege der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, hat dieser adelige Italiener eine bewundernswerte Karriere hingelegt. Mit Mitte 20 wurde er bereits in das damals nur 24 Köpfe zählende Kardinalskollegium aufgenommen, nicht weil er besonders fromm war, sondern weil sein Onkel, ein Medici, als Pius IV. den Papstthron bestiegen hatte, und zunächst zwar nicht seine eigenen drei Kinder, aber doch seine Verwandtschaft mit kirchlichen Ämtern versorgte.

Die Priesterweihe wurde nachgeholt, und der junge Mann weiterhin zum Erzbischof von Mailand befördert. Als solcher räumte er zunächst fleißig auf, führte ein frommes und vor allem asketisches Leben und tat sich in der Nachfolge des Tridentinischen Konzils in der Auseinandersetzung von Protestanten und Katholiken hervor. Wesentlich beteiligte er sich an der Formulierung des Katechismus, der letztendlich bis ins 20. Jahrhundert für die Katholiken verbindlich blieb. In gleicher Weise involviert war er neben Ignatius von Loyola bei der Einrichtung der Inquisition zur Bekämpfung des Irrglaubens. In seinem Erzbistum förderte er Wissenschaft und Bildung und war sich nicht zu schade, als die Pest in Mailand wütete, mit einem Strick um den Hals und einer Herrenreliquie (Nagel vom Kreuze Christi) eine Prozession zu veranstalten, um die Seuche abzuwenden. So nimmt es nicht wunder, dass er knapp drei Jahrzehnte nach seinem Tode bereits heiligesprochen und Aufnahme in den Heiligenkalender gefunden hat.

Der 1845 gegründete Borromäusverein, der die katholischen Bibliotheken unterstützt, bewahrt das Andenken an ihren Schutzpatron. Auch Kirchen in Dortmund und Krefeld-Oppum haben das Patrozinium dieses Eiferers für den katholischen Glauben.

Allerdings ist der Heilige nach unserer heutigen Auffassung weit über das Ziel hinausgeschossen, als er in den Tälern der Schweiz, die damals zum Sprengel des Erzbistums Mailand gehörten, die dort ansässigen Protestanten zum rechten Glauben zurückführen wollte. Dort wurde zwar der Protestantismus toleriert, doch Borromäus betrachtete deren Glaubensausübung als Hexerei, so dass er in einem inquisatorischen Verfahren mit Folter die Leute zwang, sich zum Katholiszismus zu bekennen, und die dies nicht taten, auf den Scheiterhaufen schickte und von der weltlichen Macht verbrennen ließ. Auf diese Weise soll ein ganzes Tal mit etwa 50 Familien entvölkert worden sein. Sinnigerweise erhoben ihn die Katholiken der Schweiz ihn 1655 zu ihrem Schutzpatron, als der er noch heute gilt.

So man diesen Heiligen, dessen Namen auch diverse Einrichtungen wie Kitas und Schulen im Revier tragen, in Augenschein nehmen möchte, so findet man in mumifiziert in einer gläsernen Kiste in der Krypta des Mailänder Doms.
Juliana

Der heilige Vinzenz gemalt von Simon François de Tours (1606-1671)
Der heilige Vinzenz von Paul (27. September)

Zeitgenosse des berühmt-berüchtigten Kardinals Richelieu, aber auch der drei Musketiere, Gasgogner  wie D’Artagnan, wurde Vizenz de Paul bereits mit 19 Jahren Priester. In den schrecklichen Zeiten des 30- und 80-jährigen Krieges und bürgerkriegsähnlichen Glaubensauseinandersetzungen in Frankreich widmete er sein Leben der Hilfe von Armen, Kranken und Hilflosen und wird heute durchaus zu Recht als Begründer des Caritas angesehen.

Seit seiner Heiligsprechung im 18. Jahrhundert sind nicht nur hier im Revier eine Vielzahl von karitativen Einrichtungen seinem Schutz anbefohlen, sondern auch eine Vielzahl von Krankenhäusern, als deren Schutzpatron er traditionell fungiert. In Witten trägt eine  Kirche sein Patrozinium. Er gründete weiterhin den Orden der barmherzigen Schwestern, die nach ihm auch Vinzentinerinnen genannt werden.

Schon zu Lebzeiten quasi als Heiliger angesehen, ließ eine seiner ambiotioniertesten Fans, im Übrigen eine Nichte Kardinals Richelieus, als er 1660 starb, dem Leichnam das Herz entnehmen und in einer Silberkapsel fassen, um das Andenken dieses besonderen Mannes zu wahren.

1712 werden die sterblichen Überreste erstmalig exhumiert, wobei diese bis auf Augen und Nase weitgehend unversehrt erhalten sind. Als man ihn anlässlich seiner Heiligsprechung ein Vierteljahrhundert später erneut ausbuddelt, ist sein Gewebe vergangen, so dass nur noch das Skelett vorhanden ist. Man hilft sich damit, dass man dieses nach Art eines Wachsfigurenkabinetts mit Wachs ummantelt, um den Heiligen lebensnah wiederherzustellen. Diese „Wachsfigur“ ist seit 1830 in einem gläsernen Sarkophag in der Kirche St. Lazare  in Paris zu bewundern. Das silberne Herzreliquiar wird vor den marodierenden Revolutionären 1789 nach Italien in Sicherheit gebracht und gelangt 1805 nach Lyon. Erst 1947 wird es nach Paris in die Kapelle des Mutterhauses der Vinzentinerinnen gebracht, wo es sich heute noch befindet.

Von den Reliquien des Heiligen hat sich nur wenig verstreut. 1964 erhielten Pilger der Wittener Kirche ein kleines Stück für ihre Kirche, und nach Angabe der „agencia fides“ erhielten im Jahre 2013 die Katholiken in Hongkong einen Überrest des Heiligen.
Juliana

St.-Lambert-Reliquiar in der Schatzkammer der St.-Pauls-Kathedrale in Lüttich
Foto: Hans von Reutlingen wikipedia commons
Der heilige Lambert (18. September)

Die Gladbecker mögen es dem Autor nachsehen, dass dieser ihren Stadtpatron erst jetzt anführt, während sich der Patron des benachbarten Bottrop sich bereits zwischen den Buchdeckeln findet. Dies liegt im Wesentlichen daran, dass Heilige aus der Region zwischen Maastricht und Lüttich des 7. und 8. Jahrhunderts in großer Zahl vorhanden sind (es war wohl eine besonders fromme Gegend zur Zeit des Niedergangs des merowingischen Königtums) und diese Heiligen sich im Ruhrgebiet besonderer Beliebtheit erfreuten und auch heute noch erfreuen.

Trotz des wenig spektakürlären Wirkens des heiligen Bischofs Lambert hat sich seine Verehrung seit dem frühen Mittelalter hier in der Gegend verbreitet. Neben der Kirche in Gladbeck trug die ehemalige Stiftskirche in Rellinghausen sein Patrozinium. Über die Grenzen der Region hinaus berühmt ist die ihm geweihte Kirche in Münster, an der heute noch die Eisenkäfige hängen, in denen die Leichen der Wiedertäufer zur Schau gestellt worden sind.

Geboren um 635 in Maastricht wird er knapp 40-jährig zum Bischof seiner Heimatstadt berufen unsd gerät somit in die Auseinandersetzungen der Hausmeierdynastien, wird zwischenzeitlich absetzt, ins Kloster verbannt und wieder auf den Bischofssitz zürückgeholt. Sein Martyrium erleidet er, als er die sexuellen Ausschweifungen des mächtigsten Mannes, des Hausmeiers Pippin des Mittleren, anprangert. Der war neben seiner Ehe mit der berühmten Plektrudis, eine weitere Ehe „zur linken Hand“ mit einer Frau namens Chalpaida eingegangen, aus der ein Sohn hervorging, der berühmte Karl Martell, der 732 bei Tours und Poitier die Araber geschlagen hat und Großvater des noch berühmteren Karls des Großen war. Solche „Ehen“ waren zur der Zeit durchaus gang und gäbe und unter den Herrschenden allgemein verbreitet, dem sittenstrengen Bischof allerdings ein Dorn im Auge. Als man seiner Mahnungen überdrüssig war, ließ man ihn kurzerhand umbringen.

Begraben wurde Lambert zunächst in Maastricht. Sein Nachfolger, der ebenfalls heilige Hubertus – das ist der mit dem Hirsch –, ließ ihn, als er den Bischofssitz von dort nach Lüttich verlegte, ausbuddeln und in der Krypta der Lambert geweihten Kirche bestatten. Dort ruhten seine Überreste über Jahrhunderte weitgehend ungestört, bis ein Zähringer Bischof von Lüttich wurde. Der verteilte einen Teil vom Lamberts Reliquien in Freiburg und Umgebung (Konstanz, Reichenau, Zwiefalten und Schaffhausen), und ein Teil des Schädels ist sogar weit gereist, insofern als er auf den 3. Kreuzzug (das ist der: „als Kaiser Rotbart lobesam ins heilige Land gezogen kam“) mitgenommen worden ist und unbeschadet mit seinem Schutzbefohlenen zurückkehrte. Diese Verteilung seiner Überreste war insofern von Vorteil (Lambert wurde u.a. Schutzpatron von Freiburg), als im Zuge der Französischen Revolution 1794 seine Reliquien durch die Kirche gekegelt und dann auch noch seine Kirche kurzerhand abgerissen wurde, so dass sich die wenigen erhaltenen Überreste heute in der St. Pauls Kathedrale zu Lüttich finden. Aber auch die Gladbecker Kirche besitzt im 1972 geweihten Altar eine Lambertreliquie, desssen Patrozinium sich dort seit dem Mittelalter nachweisen lässt.
Juliana

König Zwentibold, Brunnenfigur von Theo Heiermann, (1982) in Bad Münstereifel. Foto: Pamona. wikipedia commons
Der heilige Zwentibold (13. August)

Der in der Hagiographie Bewanderte kratzt sich am Schädel und fragt sich „Zwenti- was …?“, der historisch Interesssierte denkt: "Illegimtimer Sohn Arnulfs von Kärnten und letzter karolingischer Herrscher von Lothringen, aber heilig?“

Als Sproß einer Friedelehe um 870 geboren, wird Zwentibold in Ermangelung eines legitmen Thronerben zunächst für die Nachfolge Arnulfs (der selbst ein Bastard war) ausersehen. Als dann aus der ehelichen Verbindung des Kaisers wider Erwarten dennoch ein männlicher Erbe hervorgeht ( Ludwig IV. das Kind, der letzte Karolinger), gerät der halbwüchsige Zwentibold ins Abseits und wird mit dem Teilreich Lothringen 895 abgespeist, zu dem damals auch unsere Region gehörte. Sein Lebenswandel ist weder heilig noch sind seine Regierungsentscheidungen besonders fromm, ausgenommen einer gewissen Freigiebigkeit den kirchlichen Institutionen gegenüber.

Schon nach knapp 5 Jahren ist der regionale Adel seiner Herrschaft überdrüssig, zieht gegen ihn zu Felde und tötet ihn in einer kriegerischen Auseinandersetzung. Begraben wird er in der Abtei Susteren (das liegt zwischen Eindhoven und Maastricht an der engsten Stelle der Niederlande zwischen Deutschland und Belgien in der  Provinz Limburg), und schon bald wird er als Heiliger verehrt, weil man seinen Tod auf dem Schlachtfeld wohl als Martyrium angesehen hat.

Von seinen Reliquien scheint einer seiner  Zähne besonders wundersam gewesen zu sein, da er gegen Zahnschmerzen geholfen hat und wohl auch noch hilft. Seine Verehrung als Heiliger hat sich dort über die Zeiten bis heute lebendig erhalten, zumal im 19. Jahrhundert der zuständige Bischof von Roermond seine Überreste ausdrücklich als wahre und echte Reliquien bestätigt hat, so dass Zwentibold noch heute durch Prozession und Hochamt von den Limburgern (und die sind im protestantischen Holland immer noch katholisch) verehrt wird.

Der geneigte Leser fragt sich nun natürlich, was er mit dem Revier und seine Heiligen zu tun hat. Von den 28 erhaltenen Urkunden dieses Herrschers sind zwei für das heutige Essen ausgestellt worden, eine für die Abtei Werden, mit der Zwentibold die Privilegien des Kloster insbesondere die Besitzungen in Friemersheim (heute linksrheinischer Stadtteil von Duisburg) bestätigt; die andere wesentlich bedeutsamere für das Stift Essen. In dieser Urkunde von 898 Juni 4 schenkt er dem Stift umfangreiche Güter – im Wesentlichen gelegen zwischen Köln und der Eifel, aber auch in der Stadt Köln selbst. Damit verbreitert er die wirtschaftliche Grundlage der adeligen Stiftsdamen ganz enorm und legt somit ein weiteres  Fundament für den Reichtum und das Gedeihen des Essener Stiftes.

Essen hat diesem „merk“-würdigen Heiligen also sehr viel zu verdanken und somit gehört er ins Pantheon der Revierheiligen, obwohl man bis heute nicht so recht weiß, warum ihm die Ehre der Altäre zuteil geworden ist. Aus Essener Sicht werden es sicher die höchst großzügigen und uneigenützigen Schenkungen und Privilegierungen an die geistlichen Institutionen der heutigen Stadt sein, die ihm den Himmel eingebracht haben. Er hätte sich dort sicher ein bißchen Gedenken und Verehrung verdient!


Der Autor dieser Zeilen muss im Nachhinein seine häufig am Beginn von Mittelalterseminaren gestellte Frage: Wer oder was war Zwentibold? Eine urzeitliche Waffe zum Töten von Tieren, ein antiker Philosoph oder ein mittelterlicher König? in der Beantwortung überdenken: er war 5 Jahre König und ist ein Heiliger!
 
Juliana Die heilige Hildegard von Bingen (17. September)

Die Rheinländerin Hildegard von Bingen hat es als Heilige nur bis in den Westen des Ruhrgebiets geschafft. Lediglich eine Kirche in Duisburger Norden und eine bereits 2007 profanierte Kirche in Oberhausen (das sich zum Rheinland zählt) im  Ortsteil Alstaden tragen ihr Patrozinium. Dabei gehört diese heilige Frau zu den bedeutendsten und auch heute noch bekanntesten Frauen des Mittelalters.

Als Mystikerin und Universalgelehrtin war sie schon zu Lebzeiten weithin berühmt und wurde quasi als Heilige verehrt, so dass sie mit den Größen ihrer Zeit korrespondierte und diversen Päpsten, dem Kaiser und den theologischen Größen Ratschläge, Mahnungen und Nachhilfe zu geben in der Lage war. Ihre Visionen (Wisse die Wege) und ihre umfangreichen Werke zur Natur, Musik und Medizin, aber auch zu den praktischen Lebensdingen haben nicht nur ihre Zeitgenossen begeistert, vielmehr erlebten sie auch in den letzten Jahrzehnten eine Renaissance, die eine ganze Literatur hervorgebracht hat. Das aktuelle Verzeichnis der lieferbaren Bücher verzeichnet heute mehr als 170 Titel, angefangen vom „Fasten mit der heiligen Hildegard“ über gut ein dutzend Kochbücher mit den Rezepten der Heiligen, Kräuter und Heilpflanzen und selbst über ihr Wissen über „Heilsteine“.  Hinzu kommen mehr als ein Dutzend CDs mit Musik, die man ihr zuschreibt, und selbst einen „Hildegardladen“ findet sich im Internet, der Elixiere, Kräuter , Cremes, Sprays und Heilsteine anbietet, deren einer selbst gegen Stress zu helfen in der Lage sein soll.
Ob dies alles der Protagonistin so gefallen hätte, mag dahingestellt sein.

Geboren 1098 als 10. Kind einer adeligen Familie, wurde sie bereits als 8-Jährige in die Obhut eine Nonne, Jutta von Sponheim, in deren Rekluse auf dem Disibodenberg bei Bad Kreuznach zur Vorbereitung auf ihr klösterliches Leben gegeben, wo ihr von dieser ein fundierter Einblick in den damaligen Bildungskanon, den artes liberales, vermittelt wurde.
Bereits hier hatte sie erste Visionen und gründete dann auf dem Rupertsberg ein neues Kloster. Die von ihr zu Pergament gebrachten Erleuchtungen wurden selbst von Papst Eugen III. als solche anerkannt, so dass sich ihr Ruhm und ihre Werke in den folgenden Jahrzehnten rasch verbreiteten. Als sie für die damalige Zeit hochbetagt 1179 starb und begraben wurde, leuchtete über ihrem Grabe ein helles Licht, und die Kranken, die dorthin pilgerten, wurden wundersam geheilt. Erst als der zuständige Bischof von Mainz dort erschien und der Toten weitere Krankenheilungen untersagte, um den Rummel zu beenden, folgte die gehorsame Tochter der Mutter Kirche dem Gebot ihres Vorgesetzten, und es gab keine Krankenheilungen mehr. Allerdings war dem kurz nach ihrem Tode eingeleiteten Heiligsprechungsverfahren zunächst kein Erfolg beschieden, so dass sie erst Ende des 16. Jahrhunderts heilig geprochen wurde. Erst der bayrische Papst beförderte sie 2012 offiziell zur Kirchenlehrerin.

Ihre Überreste ruhen seit dem 17. Jahrhundert  in der Eibinger Kirche (Kirche St. Hildegard) in einem prächtigen Schrein. Dort findet sich auch ihre umfangreiche Reliquiensammlung, unter der sich unter anderem auch Reliquien der heiligen Barbara und des Bonifatius finden.
Juliana

Peter Paul Metz: Juliana von Lüttich, Fantasieporträt am Chorgestühl der Pfarrkirche Merazhofen (Leutkirch im Allgäu), 1896. Photo: Andreas Praefcke; wikipedia commons
Die heilige Juliana (5. April)

Die der heiligen Juliana geweihte Kirche in Duisburg-Wehofen ist eine echter Hingucker. Ob die Schutzpatronin ähnlich ansehnlich war, ist allerdings nicht überliefert.  Der Kirchturm der 1965 gebauten und 2008 unter Denkmalschutz gestellten Kirche ragt wie eine Rakete aus der Zechensiedlung in den Himmel. Aufgrund ihrer Architektur ist diese Kirche, die eher aussieht wie ein umgedrehter Regenschirm, über die Region hinaus bekannt und berühmt.

Weitaus weniger bedeutend im Pantheon der Heiligen des Ruhrgebietes ist jedoch die heilige Juliana (ihrem besonderen Schutz ist lediglich eben diese Kirche im Ruhrgebiet anempfohlen), obwohl sie als Erfinder- und Begründerin des Fronleichnamfestes anzusehen ist. Geboren am Ende des 12. Jahrhunderts verbrachte sie ihr Leben ab dem 5. Lebensjahr im Kloster. Bereits als Teenager hatte sie Visionen in Bezug auf die Eucharestie. Vielfach sah sie eine Mondsichel, deren Unvollständigkeit sie dahingehend auslegte, dass dem Herrn ein Glaubensfest fehlte, welches die Verwandlung von Brot und Wein in der Messfeier gebührend würdigte. Folglich setzte sie sich zur Aufgabe, ein entsprechendes Fest zu propagieren und von der Geistlichkeit der Stadt und Region einzufordern.

Dies machte sich der Archidiakon der Stadt Lüttich, Jacques Pantaleon, zu Eigen, der diesen Wunsch der frommen Frau weiter förderte. Dieser Sohn eines Schusters aus Troyes machte dann eine erstaunliche Karriere als Geistlicher, er wurde zunächst Bischof von Verdun, dann 1255 Patriarch von Jerusalem und schließlich 1261 als Urban IV. Papst. Als solcher machte er das Fronleichnamsfest am 10. Tage nach Pfingsten 2 Monate vor seinem Tod am 11.8.1264 mit der Bulle „Transiturus de hoc mundo“ (die päpstlichen Bullen werden immer nach ihren einleitenden Worten benannt) für die gesamte Kirche verbindlich. Seitdem ziehen die Fronleichnamsprozessionen zu vier verschiedenen Altären im der Umgegend. Trotz der seit dem Mittelalter allgemeinen Verbreitung dieses Festes in der katholischen Kirche, hat es deren „Erfinderin“ erst verhältnismäßig spät zur Ehre der Altäre gebracht. Erst Pius IX. hat sie im Jahre 1869 heilig gesprochen.

Dass eine Kirche in einem Bergarbeiterviertel, dessen Pfarrei erst in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts begründet wurde, der heiligen Juliana zugeordnet wurde, mag nicht zuletzt daran liegen, dass die arbeitgebende Zeche der Familie Thyssen gehörte (ehemalige Schachtanlage Thyssen 2/5), deren weibliche Familienmitglieder verschiedentlich den Vornamen „Juliana“ trugen.

Dankbar der heiligen Juliana sind jedoch vor allen Dingen die Sterkrader, die seit Alters her ihre Fronleichnamskirmes vom „Kirmesheiligabend“ bis zum montäglichen Höhenfeuerwerk feiern.
Lautentius

Adam Elsheimer, Der heilige Laurentius
Der heilige Laurentius (10. August)

Das Patrozinium des heiligen Laurentius in Essen-Steele geht wohl auf das 10. Jahrhundert und Otto I. zurück, der eine gewisse Affinität zu diesem Heiligen hatte und der diesem anläßlich eines Gerichtstages ebendort 938 eine Kapelle stiftete. Diesem Heiligen rechnete er nicht nur seinen Sieg gegen die Ungarn auf dem Lechfeld zu, sondern er erhielt sogar bei einem Papstbesuch eine Eisenstange des Rostes, auf dem der Heilige den Märtyrertod erlitten hatte.

Laurentius zählt zu den bedeutendsten Heiligen des frühen und hohen Mittelalters, der Mitte des 3. Jahrhunderts als Diakon Papst Sixtus II. der Christenverfolgung des Kaiser Valerian (253–260) zum Opfer fiel. Er verweigerte nicht nur das Götteropfer, sondern weigerte sich auch, die Vermögenswerte der christlichen Gemeinde von Rom herauzugeben, indem er diese zuvor an die Armen verteilte. Daraufhin wird er vom Leben zum Tode befördert, indem man ihm auf einen glühenden Rost gleichsam grillt.

Die christlichen Glaubensbrüder bestatten seinen Leichnam auf einem Friedhof vor den Toren der Stadt, wo über seinem Grab alsbald eine Kirche errichtet wird, St. Laurentius vor den Toren (San Lorenzo fuori le mura), die dann zur Patriachalkirche erhoben wird und noch heute zu den sieben Pilgerkirchen der heiligen Stadt zählt. In ihr finden sich nicht nur die Reliquien, sondern auch der Feuerrost, auf dem er das Matyrium erlitten hat neben den sterblichen Überresten der Päpste Pius IX. und Damasus II.

Dennoch scheinen die Gebeine des heiligen Laurentius verschiedentlich erhoben worden zu sein. Das Haupt des Heiligen wurde lange Zeit auf dem linken Niederrhein verehrt, befindet sich aber seit geraumer Zeit im Vatikan, wo es zu seinem Festtag in der Kirche St. Anna den Gläubigen gezeigt wird. Eine weitere Kopfreliquie findet sich in Faenza (westlich Ravenna) und eine in Dubrovnik sowie eine Armreliquie im Welfenschatz in Berlin. Schließlich wird in Amaseno (etwa 100 km südöstlich von Rom, Kirche Maria Himmelfahrt) eine Blutreliquie gezeigt, die sich pünktlich zum 10. August eines jeden Jahres verflüssigt (der heilige Januarius lässt grüßen).

Seine besondere Verehrung in Spanien begründet sich in der Legende, dass Laurentius in Besitz des heiligen Grals war (das war der Kelch, mit dem Jesus das letzte Abendmahl gefeiert hat), den er vor der Habgier des Kaisers bewahrte, indem er ihn in seinen Geburtsort Huesca bringen ließ. Von dort gelangte dieser höchst kostbare Kelch in das berühmte Kloster San Juan de la Peña und von dort in die Kathedrale von Valencia. Dort feierten mit diesem „Gral“ 1982 Johannes Paul II. und 2006 Benedikt XVI. die heilige Messe.

Der Festtag des heiligen Laurentius ist weiterhin der Ursprung der revierweit beliebten Cranger Kirmes (Kirche St. Laurentius ebd.) in Herne, Namensgeber des St. Lorenz-Stromes und einer Rebsorte sowie des Königspalastes in Madrid, dessen Grundriss der Erbauer Philipp II. in Form des Feuerrostes, auf dem der Heilige sein Martyrium erlitt, anlegen ließ und diese seine Residenz „San Lorenzo de El Escorial“ nannte.  

Der heilige Laurentius hilft also nicht nur bei Hexenschuss oder Ischias, sondern verbindet mit seinem Patrozinium in Essen-Steele das Ruhrgebiet mit der heiligen Stadt Rom und dem Escorial-Palast der spanischen Hauptstadt.
Januarius

Der heilige Januarius in der Kathedrale von Neapel (Foto: Sailko; Wikipedia commens)
Der heilige Januarius (19. September)

Im Ranking der „ 10 wertvollsten Reliquien“ der BILD-Zeitung vom 3.4.2014 nehmen die Übereste des heiligen Januarius den 4. Platz ein.  Als Schutzpatron der Stadt Neapel ist er jährlich mit seinem „Blutwunder“ noch mehrfach zu bestimmten Terminen und Anlässen aktiv. Als Bischof dieser Stadt im 4. Jahrhundert erlitt er sein Martyrium während der Christenverfolgung des Diokletian. Er wurde in einen glühenden Ofen gesteckt, an dem sich die Folterknechte Brandblasen holten, der fromme Bischof diesen aber unbeschadet wieder verließ; die hungrigen Bestien wurden bei seinem Anblick zahm, so dass man ihn durch Enthauptung vom Leben zum Tode beförderte. Eine fromme Frau fing das Blut des für den Glauben Gestorbenen in zwei Glasfläschen auf, die dann neben seinem Kopf zu den Hauptreliquien der neapolitanischen Kirche wurden. Dieses in den Philiolen (diese werden auf das 4. Jahrhundert datiert) getrocknete Blut verflüssigt und verfärbt sich, wenn diese an den Gedenktagen des Heiligen in die Nähe des Hauptes gebracht werden. Wenn dieser Effekt nicht eintritt, so bedeutet das Unglück für die Stadt und die Region von Neapel, sei es ein Vorzeichen für eine Seuche (Pest), Ausbruch des Vesuvs, Erdbeben, Kriegsereignisse oder gar eine schlechte Saison für den FC Neapel.

Obwohl der Vatikan dieses „Blutwunder“ nicht anerkennt, haben die letzte drei Päpste der Blutreliquie die Ehre ihres Besuches und der Verehrung erwiesen: der jetzt heilige Johannes Paul II. 1979, Benedikt XVI. 2007 und Franziskus dann 2015, wobei lediglich bei Letzterem sich das Blut verflüssigte. Der Effekt wird von einem modernen Augenzeugen so beschrieben, dass die feste bräunliche Masse „flüssig“ wurde, „gerade so als würde es einer frischen Wunde entströmen“.

Verschiedentlich haben Wissenschaftler, Kriminologen und Mediziner den Inhalt der Philiole spektroskopisch – allerdings nur von außen untersucht und versucht, den Vorgang zu erklären. Selbst in der Fernsehreihe „Quarks & Co.“ hat man sich dem Phänomen 2001 angenommen. Allein einig ist man sich darüber, dass ein großer Bestandtteil der Masse aus Blut besteht, ohne allerdings letztendlich eine zweifelsfreie Erklärung geben zu können.

Im Jahre 893 kamen die Gebeine  des Januarius – allerdings ohne den Schädel – auf die Insel Reichenau, die dann die Reliquien wenige Jahrzehnte später an das Kloster Murrhardt bei Erdmannshausen (zwischen Heilbronn und Stuttgart) weitergereicht hat. Von dort sind dann wohl Teile in die seit dem 12. Jahrhundert nachweisbaren Kirche nach Sprockhövel, der Wiege des Ruhrgebietsbergbaus, gekommen.

Der evangelische Pfarrer Johann Diederich von den Steinen berichtet in seiner „Westphälischen Geschichte“ (erschienen 1760 in der Meyerschen Buchhandlung Lemgo) S. 1169, dass die Kirche in Sprockhövel seit Alters her dem heiligen Januarius geweiht sei. In der Tat findet sich auch heute noch eine Reliquie in der St. Januarius Kirche „in einem Gefäß auf einem Stein aus dem Amphitheater in Pozzuoli, in dessen Nähe Januarius enthauptet wurde.“
Somit hält der Heilige seine schützende Hand auch über ein Städtchen des Reviers, allerdings ohne mehrfach im Jahr dort mit einer wunderbaren Gegebenheit die Gläubigen auf sich aufmerksam zu machen.
Mathhias

Der heilige Matthias
Der heilige Matthias: Die Stadt Bottrop hat neben dem Alleinstellungsmerkmal „innovationcity“ eine weitere Besonderheit mit einem Kirchenpatrozinium des heiligen Matthias, dessen Verehrung ansonsten im Revier nur spärlich vertreten ist. (eine weitere bereits profanierte St.-Matthiaskirche findet sich noch in Duisburg-Meiderich). 

Über den Nachrücker  ins illustre Gremium der Apostel – er ersetzte dort den Judas Ischariot und wurde nach der Himmelfahrt des Herrn durch Los bestimmt (Apg 1,15) – berichtet das Neue Testament nur wenig, so dass man auf spätere Quellen und Legenden angewiesen ist. Nach der legenda aurea des Jacobus de Voragine hat er im heiligen Land gewirkt und ist friedlich in seinem Bett verschieden. Anderen Berichten zufolge hat er dort das Martyrium erlitten und soll in Jerusalem entweder gesteinigt oder enthauptet worden sein. Nach einer weiteren Überlieferung hat er in Afrika in Äthiopien missioniert und dort den Märtyrertod durch Steinigung und Dekollationierung durch ein Beil erlitten. Einig sind sich die Berichte darin, dass sein Leichnam nach Rom gebracht worden ist. Dort soll er seine Ruhestätte in S. Maria Maggiore gefunden haben, die noch heute eine Kopfreliquie des heiligen Apostels besitzt.

Auf Veranlassung der Kaiserin Helena (erfolgreichste Reliquiensammlerin aller Zeiten und selbst heilig; ihr Haupt wird ebenfalls in Trier verehrt) soll der Trierer Bischof Agritius den verehrungswürdigen Leichnam von Rom zu Beginn des 4. Jahrhunderts nach Trier gebracht und dort bestattet haben. Allerdings gerät der einzige Apostel, der nördlich der Alpen bestattet worden ist, in den folgenden Jahrhunderten in Vergessenheit, so dass erst im 11. Jahrhundert auf Betreiben Kaiser Heinrichs III. sein Grab wieder aufgefunden und seine Verehrung ebendort ins Werk gesetzt wurde durch den Bau einer St. Mathias Basilika, die durch Papst Eugen III. geweiht wurde.

Eine Irritation ergab sich allerdings bereits schon im Mittelalter, als Heinrich II. von Isenburg-Kobern von seiner Teilnahme am 5. Kreuzzug (das war der, an dem auch der heilige Franziskus teilgenommen hatte) gleichsam als Mitbringsel und hervorragende Reliquie den Kopf des heiligen Matthias aus Äthiopien mit auf seine Burg Kobern (heute Kobern-Gondorf, ca. 5 km westlich von Koblenz) brachte und ihm zu Ehren ebendort eine Kapelle errichten ließ, so dass die Gläubigen, so sie zu den Überresten des heiligen Apostels pilgern wollten, entweder nach Trier, in die Nähe von Koblenz oder nach Rom wallfahrten konnten. Dem setzte man schon im 14. Jahrhundert ein Ende, indem man die Kopfreliquie von Kobern nach Trier überführte, die dann bis 1927 im Dom aufbewahrt wurde. Erst dann wurde sie vom damaligen apostolischen Nuntius Eugenio Pacelli (der spätere Pius XII.) in feierlichem Zuge in die Abtei St. Matthias in Trier gebracht, so dass der Heilige wieder vollständig beisammen war bzw. jetzt zwei Köpfe besaß oder drei, wenn man den in Rom hinzuzählt.

Was und wieviel von den Überresten des Heiligen in Trier liegt, ist dennoch nicht so recht feststellbar, da sich weitere Reliquien in S. Guistina (Justina) in Padua, in Venedig auf der Insel Murano und in Goslar befinden sollen. Die Bottroper, die zum Schutzpatron ihrer Kirche in Bottrop-Ebel pilgern wollen, werden sicherlich nach Trier pilgern, da die entsprechenden Wallfahrten heutzutage  hervorragend von den St. Matthiasbruderschaften organisiert werden.
die heilige agathe

Francisco de Zurbarán: Die heilige Agatha (1630–1633)
Die heilige Agatha, Schutzpatronin der Kirche in Dorsten [mit einem ganz herzlichen Dank an die Altstadtbuchhandlung Widdel im schönen Dorsten].

Die heilige Agatha war eine reiche, vornehme junge Dame von faszinierender Schönheit und damit eine der begehrtesten Partien Siziliens in der Mitte des 3. Jahrhunderts. Geboren in Palermo oder auch Catania war sie eine gläubige Christin, was zu Zeiten der Christenverfolgung des römischen ⇒ Kaiser Decius (249–251), der von allen das Götteropfer per Gesetz einforderte, nicht ganz ungefährlich war.

Der Vertreter der römischen Staatsmacht Quintianus hatte ein Auge auf das schöne Mädchen, aber auch ihren immensen Reichtum geworfen und beabsichtigte, sie zu ehelichen. Agatha gab dem wohl wenig ansehnlichen und rabiaten Heiden einen Korb, so dass der Abgewiesene sie zunächst in ein Bordell steckte und dann das Götteropfer von ihr einforderte. Als sie dieses standhaft verweigerte, ließ der verschmähte Liebhaber sie insbesondere an ihrer Weiblichkeit foltern und schließlich ihr den Busen abschneiden und ins Gefängnis werfen. Dort erschien ihr in der Nacht der Apostel Petrus und heilte die Wunden, so dass sie am nächsten Tage erneut den Götzendienst verweigerte. Daraufhin wurde sie in einem Feuerbett gewälzt, welches zur Verschärfung der Tortur mit Glasscherben vermischt war. Während der Folter bebte auf einmal die Erde, so dass die verängstigten Gaffer dieses makabren Schauspiels stürmisch die Beendigung forderten. Agatha wurde daraufhin zurück in den Kerker gebracht, wo sie alsbald starb und von den ihren begraben wurde. Der zurückgewiesene Fiesling erhielt auch postwendend seine verdiente Strafe. Er wurde vom Pferd getreten und starb.

Just nach Jahresfrist des Todestages der heiligen Agatha brach der nahegelegene ⇒ Ätna aus, und ein glühender Lavastrom wälzte sich auf die Stadt zu. Die Verehrer der Heiligen nahmen ihren Schleier vom Grab und stellten sich der heranströmenden Flut entgegen. Daraufhin erkaltete die Lava, und die Gefahr war von der Stadt Catania abgewandt. Daraufhin wurde Agathe zur Schutzparonin der Stadt Catania und fand ihre Ruhestätte in der ⇒ Kirche zu Catania. Noch heute wird die Heilige dort mit Prozession, Festen und Feuerwerk zwischen dem 3. und 5. Februar gefeiert.

Ihre Verehrung breitete sich zunächst auf Sizilien aus, besonders in Palermo, das eine Armreliquie sein eigen nennt, später dann in Rom, wo zunächt ⇒ Papst Symmachus, später auch ⇒ Papst Gregor I. Kirchen dieser Heiligen weihten.  Geholfen hatte sie auch den Bewohnern der Insel Malta, die mit ihrer Hilfe den Eroberungsversuch der Türken Ende des 15. Jahrhunderts abwenden konnten, so dass sie auch dort zur Schutzpatronin der Insel avancierte.

Den Weg in unsere Region hat Agathe dann auch noch gefunden. Die Kirche in Dorsten weist seit Alters her (seit dem 14. Jahrhundert belegt) ihr Patrozinium auf. Wenn die Dorstener ihre Heilige besuchen wollen, so brauchen sie nicht bis Catania zu fliegen – obwohl Catania sicherlich eine Reise wert ist –, sondern sie müssen lediglich ein gutes halbes Stündchen mit dem Auto bis zum ⇒ Kloster Kamp nach Kamp-Lintfort fahren. Die ersten Mönche dieses Zisterzienserklosters haben aus ⇒ Morimond die Schädelkalotte der Heiligen als herausragende Reliquie mit nach Kamp genommen, wo sie noch heute zu bewundern und zu verehren ist.

Ikonographisch wird die heilige Agatha als schöne, junge Frau dargestellt, die den ihr abgeschnittenen Busen auf einem Tablett in der Hand trägt. Sie schützt nicht nur gegen Erdbeben und Vulkanausbrüche, sondern auch gegen allfällige Unglücksfälle.
Thomas Morus

Thomas Morus als Lordkanzler
(Hans Holbein der Jüngere, 1527)
Der heilige Thomas Morus

Der Engländer Thomas Morus war ein herausragender  Renaissancegelehrter, Freund des berühmten Erasmus von Rotterdam. Als gläubiger Katholik in der englischen Kirche verfasste er im Auftrage von   König Heinrichs VIII. (das war der mit den vielen Frauen und Vater der noch bedeutsameren   Elisabeth I.) eine Streitschrift gegen die Reformation Luthers. 1529 gipfelte seine Karriere mit der Ernennung zum Lordkanzler. Als solcher sollte er die Auflösung der Ehe seines Königs mit Katharina von Aragon beim Papst durchsetzen, was bekanntlich mißlang, so dass Heinrich VIII. sich zum Oberhaupt der anglikanischen Kirche erklärte, um seine Scheidungs- und Wiederverheiratungsabsichten durchzusetzen. Als getreuer Anhänger der römischen Kirche trat Thomas Morus von seinem Amt zurück und verweigerte den Eid auf das neue Oberhaupt der englischen Kirche. Daraufhin wurde ihm der Prozeß wegen Hochverrats gemacht, und er wurde am 6. Juli 1535 gleichsam als Märtyrer des Papsttums im Tower von London geköpft.

Sein Andenken wurde in der katholischen Kirche hochgehalten, allerdings dauerte es gut drei Jahrhunderte, bis man ihn 1886 seligsprach (Leo XIII.). Seine Heiligsprechung durch Pius XI. ein halbes Jahrhundert später (1935) hat man in Verbindung gebracht mit dem Aufkommen der Nazi-Diktatur in Deutschland. Nach der Erhebung zur Ehre der Altäre wurden nach Thomas Morus auch Kirchen im Revier geweiht, so in Essen und Bochum (mittlerweile profaniert). 

Schließlich ernannte Papst Johannes Paul II. ihn am 31. Oktober 2000 in einem Apostolischen Schreiben „Motu proprio“ (http://w2.vatican.va/content/john-paul-ii/de/motu_proprio/documents/hf_jp-ii_motu-proprio_20001031_thomas-more.html)  zum Schutzpatron der Regierenden und Politiker. Von diesen hatte der gute Thomas Morus allerdings keine hohe Meinung, wie er in seinem Werk Utopia formuliert:

"Wenn ich daher alle diese Staaten, die heute irgendwo in Blüte stehen, prüfend an meinem Geiste vorbeiziehen lasse, so finde ich – so wahr mir Gott helfe! – nichts anderes als eine Art von Verschwörung der Reichen, die im Namen und unter dem Rechtstitel des Staates für ihren eigenen Vorteil sorgen. Alle möglichen Schliche und Kniffe ersinnen und erdenken sie, um zunächst einmal das, was sie durch üble Machenschaften zusammengerafft haben, ohne Furcht vor Verlust zusammenzuhalten, dann aber alle Mühe und Arbeit der Armen so billig wie möglich zu erkaufen und ausnützen zu können. Sobald die Reichen erst einmal im Namen der Allgemeinheit, das heißt also auch der Armen, den Beschluss gefasst haben, diese Methoden anzuwenden, so erhalten sie auch schon Gesetzeskraft." (zitiert nach dem Ökumenischen Heiligenlexikon: https://www.heiligenlexikon.de/BiographienT/Thomas_More_Morus.html). 

Hat sich ein solches Statement nach knapp 5. Jahrhunderten in Zeiten von Bankenkrisen und Turbokapitalismus überlebt? Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Judas Thaddeus

Gnadenbild des Judas Thaddäus in Heisterbacherrott
Der heilige Judas Thaddäus

Auf den ersten Blick ist der heilige Judas Thaddäus einer der weniger bedeutenden Apostel des Herrn, über den im Neuen Testament wenig berichtet wird. Zunächt ist nicht einmal klar, ob es sich um eine oder um zwei Persönlichkeiten handelt, weil in den Evangelien einmal Thaddäus (z.B. Marc. 3,18) und an anderer Stelle Judas, Sohn des Jakobus (Luk 6,16) genannt werden. Erst seit dem 3. Jahrhundert hat man sich darauf geeinigt, dass es sich um eine Person handeln muss namens Judas, der zur Unterscheidung vom Verräter Judas Ischariot den Namenszusatz Thaddäus erhält. Ein zweiter Blick offenbart dann die verwandtschaftliche Nähe zum Erlöser. Nach Marc. 6,3 ist ein Judas Sohn des Ziehvaters Joseph, also Bruder Jesu. Die legenda Aurea kennzeichnet Judas Thaddäus als Sohn eines Bruders von Joseph, also als einen Vetter des Herrn. Er gehört also in die engere Verwandtschaft des Chefs.

Nach dessen Himmelfahrt erfüllt Judas Thaddäus seinen Missionsauftrag zunächst in Edessa, wo er den herrschenden König per Wunder von der Lepra heilt. Seine weiteren Missionsreisen führen ihn in das heutige Syrien und den Irak, schließlich in die Region des heutigen Iran und selbst nach Armenien, wo er nach erfolgreicher Misionierung den Märtyrertod erleidet. Er wird mit einer Keule erschlagen. Der mittlerweile christliche König der Armenier lässt über seinem Grab wenig später eine Kirche errichten.

Über den Verbleib der heiligen Gebeine schießen die frommen Nachrichten ins Kraut. Kaiser Konstantin (der folgsame Sohn seiner Mutter und ambitionierten Reliquiensammlerin) soll den Leichnam von Syrien (sic!) nach Konstantinopel gebracht haben. Nach einer anderen Überlieferung soll der Leichnam zunächst nach Babylon, von dort nach Jerusalem und dann über Toulouse in Frankreich nach Rom gebracht worden und in St. Peter bestattet sein. Auf jeden Fall gewährt Papst Paul III. 1548 einen vollkommenen Ablass denjenigen, die dessen Grab im Oktober in der Peterskirche besuchen.

Auch heute noch findet sich das Grab des Judas Thaddäus am  Josephsaltar in der Peterskirche in Rom. Dennoch hält sich seine Verehrung im Mittelalter in Grenzen. Der berühmte Bernhard von Clairveau (Spitzname "Honigmaul", weil er so gut reden konnte) soll zwar eine Reliquie seines Lieblingsheiligen stets mit sich geführt und mit ihr begraben worden sein, aber eine weite Verbreitung seines Kultes lässt sich nicht erweisen.  Größere Verehrung wird ihn allein in der alten Bergbaustadt Goslar zuteil, die ihn zu ihrem Schutzpatron erhebt.

Erst ab dem 19. Jahrhundert verbreitet sich seine Bedeutung erneut in der lateinischen Kirche. Man erlebt aber eine Überraschung, wenn man den Ort seines Martyriums aufsucht. Im Iran an der Grenze zu Armenien findet sich ca. 20 km von Maku seine Grabeskirche (Qareh Kelisa  schwarze Kirche), eine Klosteranlage, die seit 2008 zum Weltkulturerbe zählt. In dieser uralten Kirche findet sich rechts neben dem Altar das Grab des Judas Thaddäus. Es ist seit knapp 100 Jahren leer, da die türkische Soldateska beim „Völkermord“ (so zum Ärger von Herrn Erdogan der Bundestag) an den christlichen Armeniern die in diese Kirche Schutzsuchenden massakrierten und die Kirche verwüsteten, so dass aufgrund dieses Vandalismus die heiligen Gebeine verloren gingen. Des ungeachtet feiern noch heute im Sommer an dieser Stelle die gläubigen Armenier in großer Zahl ihren Missionar Judas Thaddäus.


Somit hat es die Gebeine des heiligen Mann knapp 19. Jahrhunderte zweimal gegeben, zum einen in Rom, zum anderen in Armenien, vielleicht zum dritten auch in Konstaninopel. Wie dem auch sei, selbst ins Ruhrgebiet hat er es geschafft. Jeweils eine Kirche im Duisburger Süden und eine Kirche in Oberhausen weist das Patrozinium des heiligen Apostels mit der Keule auf.    Über den Verbleib der heiligen Gebeine schießen die frommen Nachrichten ins Kraut. Kaiser Konstantin (der folgsame Sohn seiner Mutter und ambitionierten Reliquiensammlerin) soll den Leichnam von Syrien (sic!) nach Konstantinopel gebracht haben. Nach einer anderen Überlieferung soll der Leichnam zunächst nach Babylon, von dort nach Jerusalem und dann über Toulouse in Frankreich nach Rom gebracht worden und in St. Peter bestattet sein. Auf jeden Fall gewährt Papst Paul III. 1548 einen vollkommenen Ablass denjenigen, die dessen Grab im Oktober in der Peterskirche besuchen.

Auch heute noch findet sich das Grab des Judas Thaddäus am  Josephsaltar in der Peterskirche in Rom. Dennoch hält sich seine Verehrung im Mittelalter in Grenzen. Der berühmte Bernhard von Clairveau (Spitzname "Honigmaul", weil er so gut reden konnte) soll zwar eine Reliquie seines Lieblingsheiligen stets mit sich geführt und mit ihr begraben worden sein, aber eine weite Verbreitung seines Kultes lässt sich nicht erweisen.  Größere Verehrung wird ihn allein in der alten Bergbaustadt Goslar zuteil, die ihn zu ihrem Schutzpatron erhebt.

Erst ab dem 19. Jahrhundert verbreitet sich seine Bedeutung erneut in der lateinischen Kirche. Man erlebt aber eine Überraschung, wenn man den Ort seines Martyriums aufsucht. Im Iran an der Grenze zu Armenien findet sich ca. 20 km von Maku seine Grabeskirche (Qareh Kelisa  schwarze Kirche), eine Klosteranlage, die seit 2008 zum Weltkulturerbe zählt. In dieser uralten Kirche findet sich rechts neben dem Altar das Grab des Judas Thaddäus. Es ist seit knapp 100 Jahren leer, da die türkische Soldateska beim „Völkermord“ (so zum Ärger von Herrn Erdogan der Bundestag) an den christlichen Armeniern die in diese Kirche Schutzsuchenden massakrierten und die Kirche verwüsteten, so dass aufgrund dieses Vandalismus die heiligen Gebeine verloren gingen. Des ungeachtet feiern noch heute im Sommer an dieser Stelle die gläubigen Armenier in großer Zahl ihren Missionar Judas Thaddäus.

Somit hat es die Gebeine des heiligen Mann knapp 19. Jahrhunderte zweimal gegeben, zum einen in Rom, zum anderen in Armenien, vielleicht zum dritten auch in Konstaninopel. Wie dem auch sei, selbst ins Ruhrgebiet hat er es geschafft. Jeweils eine Kirche im Duisburger Süden und eine Kirche in Oberhausen weist das Patrozinium des heiligen Apostels mit der Keule auf.    
Die heilige Ursula und ihre 11.000 Jungfrauen

Der Kern der Legende der heiligen Ursula von Köln ist schnell erzählt: Ursula, eine christliche bretonische Königstochter, soll einen Prinzen heiraten, der noch Heide ist. Sie bedingt sich aus, dass dieser binnen Dreijahresfrist sich zum christlichen Glauben bekehrt. Zur Beförderung dieser Missionierung des potentiellen Bräutigams begibt sie sich mit entsprechendem Gefolge – eben diesen 11.000 Jungfrauen, oder waren es wirklich nur 11? – auf eine Pilgerreise zum Papst Cyriakus nach Rom. Nach Köln zurückgekehrt, wird ihr Gefolge von den die Stadt bestürmenden heidnischen Hunnen ermordet. Sie selbst wird zunächst verschont, da der Hunnenkönig ein Auge auf sie geworfen hat. Da sie ihn zurückweist, tötet er sie mit einem Pfeilschuss.

Das Ganze soll sich 238 oder zur Zeit der Diokletianischen Christenverfolgung Anfang des 4. Jahrhunderts, später dann in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts zugetragen haben, also etwa zur Zeit des römischen Kaisers Theodosius I. Schon frühzeitig hatte man mit der zeitlichen Einordnung der Legende ein gewisses Problem. Zum einen fand sich kein Papst dieses Namens, und zum anderen waren die Hunnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Westeuropa aufgetaucht. Zwar fand sich ein passender Papst mit einem ähnlich klingenden Namen: Siricus (384–399, er war der erst der den Titel „papa“ – Papst verwandte), aber ansonsten passte die Geschichte nicht in die Zeit. Folglich verlegten die Heiligenerzählungen des 10. Jahrhunderts die  Ereignisse in die Zeit des Hunnensturms Mitte des 5. Jahrhunderts, der mit der berühmten Schlacht auf den Katalaunischen Feldern 451 gestoppt worden ist. Damit hatte man auch mit Attila den passenden Hunnenkönig, der der frommen Ursula den Garaus machte, allerdings dabei keinen passenden Papst, da zu der Zeit der bedeutende Leo I. sedierte.

So richtig in Schwung kam die Verehrung der heiligen Ursula und ihrer Gefährtinnen, als man im Jahr 1106 bei der Erweiterung der Stadt Köln einen antiken römischen Friedhof entdeckte, den man als „Ager Ursulanus“ (Ursulafeld), den Ort, an dem die Damen den Märtyrertod erlitten hatten, definierte. Damit besaß man ein gleichsam unerschöpfliches Reservoir an Reliquien, die man munter ausbuddelte  und nicht nur in der Erzdiözese, sondern auch im gesamten lateinischen Abendland – meist gegen gutes Geld – verteilte.  Die historische Wissenschaft geht von etwa 4000 solcher Reliquientranslationen aus. Die Legende um die heilige Ursula wurde entsprechend ausgeschmückt und die Zahl der Jungfrauen, die mit ihr den Märtyrertod erlitten, endgültig auf 11.000 festgeschrieben. Einzelne Gefährtinnen erhielten Namen, wie z.B. die heilige Kordelia, die sich beim Anblick des Massakers in einem Schiff verbarg und dann als letzte der Jungfrauen den Märtyrertod erlitt.

Mit den heiligen Knochen vom Ager Ursulanus verbreitete sich auch die Verehrung der „Kölner Mädchen“ im christlich/katholischen Europa.  Der große Entdecker Kolumbus bezeugte seine Verehrung, in dem er auf seiner 2. Reise 1493 die von ihm in der Karibik entdeckten Inseln auf den Namen „Santa Ursula y lans once mil Virgines“ taufte. Sie werden heute noch als Jungferninseln bezeichnet und die britischen haben noch heute das Bild ihrer Schutzpatronin, der heiligen Ursula, im Wappen und in ihrer Flagge. Die Kölner haben in gleicher Weise ihrer so bedeutsamen Heiligen gedacht. Im Kölner Wappen erinnern die drei Kronen an die heiligen drei Könige und die elf schwarzen Flammen an die 11.000 Jungfrauen.

Verbreitet sind deren Reliquien auch hier bei uns im Ruhrgebiet. Als schönes Beispiel mag die Sammlung in der Kapuzinerkirche in Werne dienen. Die Mönche haben ihre Reliquienschätze rings um den Altar in Schaukästen ausgestellt, wobei die Mehrzahl der Überreste von den Kölner Jungfrauen stammt. Auch bei dem Usus der Katholischen Kirche, im Altar eine Reliquie unterzubringen, scheint hier in der Gegend häufig auf solche der Jungfrauen zurückgegriffen worden zu sein, auch wenn hier eine exakte Übersicht fehlt. Ein Kirchenpatrozinium fehlt. Dafür gibt es ein Ursulininnenkloster in Dorsten.

Werne Unser aller Heiligen

Reliquien der heiligen Ursula u.a. in der Kapuzinerkirche in Werne (Foto: Werner Bergmann)
Die heilige Hedwig

Die heilige Hedwig, Steinskultpur, Niederbayern um 1410/1420.
Foto: Andreas Praefcke [wikipedia Creative Commons]
Die heilige Hedwig

Geborene Bajuvarin (+ 1174), wurde sie 13-jährig – damals ein übliches Heiratsalter – mit dem schlesischen  Herzog Heinrich I. (genannt der Bärtige) verheiratet. Die Ehe war anscheinend glücklich, zumindest aber fruchtbar. Noch im Jahr der Hochzeit wurde das erste von sieben Kindern geboren. Als Tante der heiligen Elisabeth von Thüringen war auch sie, wie die gesamte Familie ausgesprochen fromm, aber wohl vom Schicksal geprüft. Sie überlebte nicht nur ihre Kinder und ihren Ehemann, sondern auch ihre Schwester und ihre Nichte Elisabeth, deren Heiligsprechung sie noch miterlebt hat.

Was die heilige Hedwig dazu veranlasst hat nach über zwei Jahrzehnten wohl auch harmonischer Ehe den Vollzug der ehelichen Pflichten aufzukündigen und fortan in Josephsehe zu leben, lässt sich nicht zweifelsfrei eruieren. Auf ihre Bitte hin hatte der bärtige Ehemann bereits knapp ein Jahrzehnt zuvor das Kloster Trebnitz (Trzebnica) begründet, eine Klosteranlage, die heute zu den weltweit acht internationalen katholischen Heiligtümern zählt.

Sie ist knapp Mitte 60, als 1238 ihr Ehegatte das Zeitliche segnet, worauf sie beschließt, ins Kloster einzutreten und dort ihr irdisches Dasein zu beschließen. Nach ihrem Tod wurde sie verhältnismäßig schnell heiliggesprochen und in der dann nach ihr benannten Klosterkirche (Basilika) beigesetzt.

Vornehmlich in Schlesien verehrt, importierte Friedrich II. (der Alte Fritz, das ist der mit dem Spruch, dass jeder nach seiner Facon selig werden kann) nach Berlin (heute Sankt Hedwig Kathedrale Berlin), nachdem er Österreich Schlesien abspenstig gemacht hatte.

Wohl mit den im vorvergangenen Jahrhundert aus den östlichen Regionen des deutschen Reiches ins Ruhrgebiet zugewanderten Bergarbeitern kam die Hedwigverehrung auch ins Ruhrgebiet. Die St.-Hedwig-Gemeinde in Altenessen ist ein beredtes Zeugnis dafür.